Resonanzen
Rezensionen zum Kleist-Projekt 2011
(...) Man muss das ein wenig ausführlicher darstellen, um die Leistung der Schriftstellerin Tanja Langer und des Komponisten Rainer Rubbert recht zu ermessen. Vor drei Jahren erweckten sie mit ihrer in Brandenburg uraufgeführten "Kleist Oper" das so heikel gewordene Genre des Künstlerporträts ohne klebrige Identifikationsgeste wieder zum Leben. Am Donnerstag wurden im Brecht-Haus in der Chaussestraße Teile aus dieser Oper mit Textpassagen aus Langers in diesem Jahr erschienener Erzählung "Wir sehn uns wieder in der Ewigkeit" szenisch aufgeführt. Pointiert gesagt interessiert sich Tanja Langer für Kleist nicht, weil er ihr als Autor und Selbstmörder ein Vorbild wäre, sondern weil sie ganz in der Nähe seines Grabes wohnt. Identifikation hat sie in ihrem Libretto und in ihrer Erzählung durch Genauigkeit ersetzt - eine Genauigkeit der Recherche und der Imagination: So malt sie sich aus, wie ein großer schwarzer Haitianer während seiner Kriegsgefangenschaft auf Fort Joux auf den schwulen Kleist gewirkt hat. Und auch, dass das "Projekt, Briefe der Weltliteratur zu schreiben" in der letzten Nacht vor dem Selbstmord von Harndrang unterbrochen wurde. Lachender Abschied Ja, Kleist wird zuweilen zum Hampelmann der Autorin, die sich an diesem Abend auch mit Thorbjörn Björnsson, dem Sänger des Kleist, streiten muss. Aber die komischen Brechungen schlagen die Figur in eine Distanz, in der gängige Gebrochenheiten nicht mehr wahrzunehmen sind. Und haben die Wirtsleute von Stimmings Hof nicht zu Protokoll gegeben, Kleist und seine Freitod-Genossin, Henriette Vogel, wären heiter ans Ufer des Kleinen Wannsees gesprungen? Der Wahrheit dieser Suizide kommt man nur näher, wenn man ihn auch als ekstatisches Geschehen begreift. Diese emotionalen Sprünge, Fugen und Fügungen zu begreifen hilft die Musik Rainer Rubberts, die Martin Schneuing farbig und ausdrucksvoll aus dem Klavierauszug spielte: Emotional sehr direkt und musikhistorisch anspielungsreich, ohne jemals improvisiert oder beliebig zu wirken, schafft diese Musik imaginative Räume, in denen die Figuren wirklich singen und damit den bodenständigen Text Tanja Langers auf eine höhere Ausdrucksebene bringen. Das kann auch heißen, dass Claudia Herr als Henriette mit grotesken Sprüngen in die Tiefe ihres Soprans in Gelächter ausbricht, wenn sie sich die Ergriffenheit der Wirtsleute beim Anblick ihrer Leiche vorstellt. Aber es kann auch heißen, dass ein schlichtes Duett der Beziehung zwischen Heinrich und Henriette eine anrührende Zärtlichkeit verleiht. Auch traditionelles Pathos wirkt in diesem Licht doppelbödig, weil die Falltür der Ironie nie sicher verschlossen scheint. Rainer Rubbert und Tanja Langer ist eine mal anregende Kleist-Aneignung geglückt.
Peter Uehling, Berliner Zeitung, 20.7.2011
Rezensionen zur Kleist-Oper:
„...die Partitur von Rainer Rubbert...ist das eigentliche Ereignis dieses Abends. Mit einer urwüchsigen Stärke, mit aufregenden Klängen, mit differenziertem Instrumenteneinsatz ist sie Ausdruck jener Kleist’schen Nervosität, die man auf der Bühne allzu oft vermisst. Michael Helmrath am Pult arbeitet mit den Brandenburger Symphonikern die Details und Klangfarben dieser Musik sehr deutlich und plastisch heraus. Der Komponist ist ein groß gewachsener Mann. Beim Schlussapplaus überragt Rubbert alle anderen.“
(Der Tagesspiegel, 25.3.08)
„Dass dieser Abend einen so positiven Eindruck hinterlässt, liegt vor allem an der perspektivreich undogmatischen Musik eines Komponisten namens Rainer Rubbert. Seine repetierend kantablen Melodien wagen Gefühle und ragen so aus der uniform gewordenen Tonsprache hervor, der man gewöhnlich bei heutigen Opernkomponisten begegnet. Die Eingeklemmtheit zwischen Atonalität einerseits und dem Versuch, doch noch ein bisschen Publikum zu binden, hat fast allerorten zu einem monoton pauschalen Neue-Musik-Stil geführt, der einem auf die Nerven fällt, weil er Schönberg und Berg weiterstrickt, um sich irgendwo zwischen Franz Schreker und Richard Strauss zu verfangen.
Aus dem allgegenwärtigen Parlando-Stil findet Rubbert zu schönen Blüten und emotionalen Fixpunkten - ausgreifend schön gespielt von den bald musiktheaterlosen Brandenburger Symphonikern unter Michael Helmrath. Eine derart sanfte und diskrete Einstellung zur neuen Musik ist allzu selten geworden. Entsprechend hartgekocht wirkt die Gebrauchsmoderne, die fast allerorten für avantgardistisch ausgegeben wird. Wohin eine emphatisch-liebreiche Hinwendung zur Moderne führen kann, zeigt man in Brandenburg eindrucksvoll.“
(Die Welt, 26.3.08)
„Von solcher theatralischen Anschaulichkeit scheint auch die Rubbertsche Musik überzuquellen, die kompositorische Finessen der Moderne genauso bereithält wie schöne Melodiebögen. Sie ist bildhaft, geradezu urwüchsig, schlagwerkreich, von geradezu kammermusikalischem Zuschnitt. Von ihr und der Szene geht eine starke Suggestion aus. Die Brandenburger Symphoniker unter Michael Helmrath spielen scharfsinnig, breiten hell klingende Klanggespinste aus und eröffnen den Darstellern musikalische Räume, in denen sie ihr Können beeindruckend vorführen können.“
(Potsdamer Neueste Nachrichten, 28.4.08)
„Die Musik dieser "Kleist Oper" aber hat nichts davon. Sie ist kraftvoll, theaterwirksam. Der Komponist Rainer Rubbert, Schüler von Witold Szalonek, hatte schon seit je einen eignen Tonfall, unbeirrt eigensinnig im Umgang mit Konventionen. Anfangs die übliche atonale musikalische Prosa, mit Belcanto-Inseln und tonalen Einsprengseln, weitet sich die Palette der Oper überraschend aus. Orchestral farbig, reich in den Mitteln, explodiert die Partitur im letzten Akt ins Geräuschhafte, mit Jazzrhythmik, Schlagzeugorgien und Elektronik vom Band. Diese Musik fegt alle halbgaren Attitüden vom Platz.“
(FAZ, 18.5.08)
„Das wird allerdings mehr als wettgemacht von der überragenden Partitur, die Rainer Rubbert für das Werk geschrieben hat. Abgründig, aufregend, voll differenziertem Instrumenteneinsatz ist sie das eigentliche Ereignis des Abends. Michael Helmrath arbeitet am Pult der Brandenurger Symphoniker alle Feinheiten und Klangfarben dieser Musik heraus...“
(Opernwelt 5/2008)
„...und die Musik unterstreicht mit einem konstant gleichförmig strömenden Grundton und gelegentlichen Klangeruptionen den immer wieder zerbrochenen Lebensentwurf des (zu) früh vollendeten Outcasts.
Rainer Rubbert komponiert eine Musik, die den Streichern die eher melancholisch reflektierenden Phasen zuordnet, Bläser und Percussion als erregende Instrumente einsetzt, und mit dem fauchenden Schneidbrenner Depeche Mode zitiert und zum lautstarken Furioso vor dem sanft ausklingenden tödlichen Ende wird.“
(Opernnetz.de)
„Tania Langers Libretto fordert in seiner Sprachmächtigkeit und dichterischen Qualität jeden Komponisten heraus. Dieser Herausforderung ist Rainer Rubbert in jeder Weise gerecht geworden. Rainer Rubberts Musik basiert auf einem kompositorisch starken Fundament. Er hat sein großes handwerkliches Können bei Witold Szalonek in Berlin erworben...
Überhaupt wird sehr viel und sehr schön gesungen. Rubbert schafft für seine Figuren musikalische Räume, den weitesten und größten für seine wichtigste Figur ‚Kleist’. Dieser Raum wird über einen vieltönigen Akkord, geschichtet in großen Septimen vertikal aufgespannt und horizontal durch großen Variantenreichtum ausgedehnt. Die Komplexität der Figur Kleists findet in der schärfsten möglichen Dissonanz, die diesen Akkord konstituiert und in der Vielzahl der möglichen Variationen ihren Widerhall. Man kann diesen Raum bei Bedarf auch eng machen (eine überragend gute und wirkungsmächtige Idee!), wie es in der Gefängnisszene im dritten Bild geschieht. Der Akkord mutiert auf eine Schichtung enger kleiner Sekunden. Die daraus resultierende Beklemmung, als Klangbild körperlich wahrnehmbar, ist nicht Gegenstand des Textes, also vollendeter musikalischer Kommentar. Eine Kommentarebene, also eine Ebene der kompositorischen Interpretation des Textes, die dessen illustrative Verdoppelung im traditionellen Sinne meidet, wird an vielen Einzelstellen auf sublime Weise einerseits durch die Melodieführung der Stimmen, als auch durch eine Semantik der Stimmungen im Bereich der Orchesterpartien geschaffen. So ist ein Klangraum mit sechs dunklen Celli der eher depressiven Figur der Günderrode (2. Bild) zugeordnet, der sich im dritten Bild im Sinne der extrovertierteren Penthesilea durch Hinzunahme ‚hell’ klingender Holzblas- und Schlagwerkinstrumente aufhellt...
Gleich dem Text ist Rubberts Musik vielfältig in den Nuancen, sehr detailliert ausgearbeitet, niemals grob und mit dem breiten Pinsel komponiert und instrumentiert und spannt trotz der Detailgenauigkeit einen weiten Bogen, der kurzweiliges Zuhören und Zusehen ermöglicht. Diese Oper hat es verdient, ins Repertoire Eingang zu finden.“
(Ernst-Helmuth Flammer, NMZ)
Weitere Rezensionen:
„Ungemein beeindruckend dagegen waren die "Suburban Chants"
von Rainer Rubbert. Obwohl mit allen Wassern der Kunstmusik gewaschen, hat
die Musik eine eigentümliche street credibility, sie ist cool, gleichsam
"dreckig", ohne jemals in irgendeinen populären Ton zu fallen.
Ausdruck entsteht hier durch die Umschreibung von Ausdruck, durch ihren negativen
Abdruck. Diese Musik erzeugt einen Raum, in dem sehr unterschiedliches sich
ereignen kann, vom schrägen Vogelruf, den die Klarinette in den Hallraum
des Klaviers bläst, über strikt motivisch gefügte Partien bis
hin zur düsteren Walzer-Anspielung, die schon wieder verfliegt, kaum
dass man sie erkannt hat. So luftig das gefügt ist, so wundersam schlüssig
ist es am Ende. Rubberts Musik steht skeptisch zwischen den gängigen
Extremen des Konstruktiven und des Klanglich-Expressiven - und findet dort
etwas in neuer Musik Seltenes:
Spannung.“
(Peter Uehling in: Berliner Zeitung vom 24.11.2007)
"In einer Zeit, in der sich mehr und mehr eine neue Art Akademismus
unter den jungen Komponisten durchzusetzen scheint, ist es erfreulich einem
Komponisten zu begegnen, der in seiner Arbeit eine erfrischende Originalität
zustande bringt, die auf eine erfolgreiche Zukunft schließen läßt.
Rainer Rubbert zieht der Konstruktion eine Idee der Dramaturgie vor.
Er schreibt einen wahren, emphatischen Stil, der sich weder in kühle
Formalismen noch in neoromantische Epigonie fallen läßt. In seinen
Werken entwirft Rubbert ausgedehnte klangsinnliche Passagen, mit denen er
den Begriff Melodie neu definiert, ohne auf vordergründiges Gefallen
zu spekulieren. Dabei benutzt er durchaus neue Spieltechniken, aber nicht
um ihrer selbst Willen, sondern im Sinne einer klanglichen Ganzheit. Besonders
wichtig dabei ist die Wirkung des Rhythmus, die seiner Arbeit eine Dimension
von Vitalität und Energie verleiht."
(Aus der Begründung der Jury für den Kunstpreis Berlin - Förderpreis Musik 1992)
"Rainer Rubberts mit „Gleitflug“ überschriebene „Lieder für Gedichte von Renate Halbach“ (1999) avancierten zu einem erfindungs- und entdeckungsreichen – wohl an Schönbergschen Sprechgesang orientierten – Klangexperiment."
(Aus: Reutlinger Nachrichten)
Über eine Aufführung des "Klavierquintetts 1990":
"Rubbert hat einen sehr dichten Satz geschrieben, in einigen Passagen wirkt er fast üppig in auffahrenden Gesten der Streicher. Besonders aufregend sind dabei vor allem die immer wieder knapp ins Geschehen brechenden Erinnerungsmotive des Klaviers, das die Formenfolge in einem quasitonalen Rahmen akkordisch strukturiert. Rubbert entwirft ausgedehnte klangsinnliche Passagen und fantasiert ausdrucksstark mit den Obertonschwingungen. Erläßt die Klaviersaiten mit einem Glas anzupfen und ist dabei trotzdem nicht äußerlich, sondern von der emotionalen Klanglogik inspiriert. Das mag mancher für konservativ halten, was in diesem Fall jedoch kein Kriterium ist. Der Ausdruck zählt."
(Aus: Elbe-Jetzeel-Zeitung)
"Rubberts „Musik für Bläser“ wurde vor drei Monaten
von den Nürnbergern (gemeint sind die Neuen Pegnitzschäfer) erfolgreich
in Paris uraufgeführt und überzeugte durch sensible Klangarchitektur
und temperamentvolle Verdichtungen auch spontan bei der hiesigen Erstaufführung.
…Nach der eher verhaltenen sehr aparten Bläsermusik konnte man
Rubbert mit vier Galgenliedern nach Morgenstern von seiner witzigen Seite
kennen lernen. Die Instrumentation mit Klarinette, Fagott und Klavier ist
intelligent, aber unter praktischen Gesichtspunkten – Repertoirefähigkeit!
– doch relativ aufwendig."
(Aus: Nürnberger Zeitung)